Sexuelle Anarchie

Mit dem Konzept der Beziehungsanarchie (BA) lässt sich das feste Korsett der Begrifflichkeiten und Kategorien durchbrechen mit denen Beziehungsformen in verschiedene Schubladen gepresst werden sollen. Vielleicht lässt sich die Ideen auch auf andere Identitäten zum Beispiel auf die sexuelle übertragen? [TW: A-, Bi-, Homofeindlichkeit]

Die kurze Antwort ist ja, aber da gibt es einige Probleme, die nicht ignoriert werden sollten. Doch zuerst will ich vorstellen, was ich mir unter einer sexuellen Anarchie vorstelle: Unter sexueller Anarchie verstehe ich das aufweichen der Begriffe wie Hetero-, Homo-, Pan-, Bi-, usw. usf.-Sexualität. Den ersten Gedanken dazu hatte ich, als ich den Artikel „Orientation Police“ von Bill Roundzy lass, in dem er beschrieb wie ihm einige in der Gay-Community seine Homosexualität absprachen, weil er sich auch mit Transmännern trifft (Roundy, Bill: „Orientation Police“, Blog, http://comics.billroundy.com/?p=1116, abgerufen am 19.03.2014).

Weiter geht es bei der Unsichtbarkeit von Asexualität („Ach, die hat sich einfach noch nicht entschieden!“ oder „Hat gerade keine Lust!“), bei der Bisexualität („Kann sich nicht entscheiden!“ oder „Ist Homosexuell!“ in Ignoranz des Heteroparts) oder anderen Ausprägungen der sexuellen Identität. Was sehr traurig ist, dass die gerade genannten Vorwürfe eben auch aus den Homo-Subkulturen zu hören sind und zu diskriminierenden Unterschiedungen wie richtige*r oder falsche*r Homosexuelle*r führt.

Nachdem ich durch Amelie auf den Begriff der Beziehungsanarchie aufmerksam gemacht wurde (Amelie: „Beziehungsanarchie – Lieben nach dem Freundschaftsprinzip“, Mehr Platz für die Liebe, http://mehrplatzfuerdieliebe.blogspot.de/2014/02/beziehungsanarchie-lieben-nach-dem.html, abgerufen am 19.03.2014), der kurz gesagt die Unterscheidungen und Kategorien zwischen verschiedenen Formen des Miteinanders, Beziehungen, Freundschaft, Affäre usw. und somit auch die Unterscheidung zwischen richtig und falsch auflöst, dachte ich mir, der Begriff ließe sich doch auch wunderbar auf die Sexualität anwenden.

Wie viel schöner wäre es denn, wenn ich meiner Sexualität keinen Namen geben bräuchte, sondern einfach bei einer Annäherung sagen könnte: „Sorry, nicht interessiert.“ Es wäre weder verletzend, noch hätte ich falsche Hoffnungen geweckt oder gespielt. Wir könnten viel offener aufeinander zugehen, unsere Sexualität (im Consent!) offen erkunden und doch eher spielerisch ausleben. Ich müsste mich nicht mehr festlegen lassen, sondern kann für mich selbst herausfinden, welche Art von Menschen ich attraktiv finde, wie ich das bereits in meinem vorherigen Post angedeutet habe (Alex: „Besserer Sex mit Feminismus“, Asaekante.de, http://www.asaekante.de/?p=519, abgerufen am 19.03.2014).

Tja, leider ist die Wirklichkeit aber nicht so uns so sehr ich es auch selbst vermeide andere Menschen in Schubladen zu stecken, werden andere Menschen mich trotzdem weiterhin in Schubladen stecken. Und damit fangen die Probleme an. Wohin es führt, wenn ich einfach einseitig die Debatte für beendet erkläre und mich von aller geschlechtlichen Unterscheidung freispreche, ist meiner Meinung nach sehr gut bei der unsäglichen Postgender-Debatte zu sehen: Ich erkläre nicht nur den Prozess des Empowerments für beendet, mache Diskriminierungen unsichtbar sondern beraube mich obendrein auch noch der Möglichkeit sichtbar zu machen (Vgl. auch: Alex: „Der Begriff Postgender ist gefährlich“, Asaekante.de, http://www.asaekante.de/?p=316, abgerufen am 19.03.2014).

Nichtsdestotrotz stell ich mir eine Welt mit sexuelle Anarchie als ein lohnenswertes Ziel vor und versuche innerhalb einer achtsamen Umgebung auf willkürliche Unterscheidungen zu verzichten. Vor allem – Und das ist nicht nur in diesem Kontext eine gute Idee. – zwänge ich anderen keine Entscheidung auf, die sie selbst nicht treffen wollen. Es ist mir egal „Wie“-Sexuell ein Mensch ist, ich mag ihn oder ich mag ihn nicht und ich entscheide selbst, wie Nahe ich diesen Menschen an mich herankommen lasse. 🙂

Edit: Weil ich mehrmals darauf angesprochen würde, dass der Begriff Queer das oben genannte Themenfeld abdeckt, möchte ich meinen Beweggrund ergänzen: Queer deckt zwar sehr viel sexuelle Identität ab, aber schließt meines Wissens nach explizit Hetero-romantische-Zweierbeziehungen aus. Und mit der sexuellen Anarchie möchte ich da explizit keinen Ausschluss durchführen und keine willkürliche Grenze ziehen. Wobei der oben genannte Consent auch ganz klar keine willkürliche Grenze ist, sondern meine eigene Sexualität klar zu der anderer abgrenzt und das eindeutig situationsabhängig je nachdem, wer mir wann gegenüber steht.

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3 Antworten zu Sexuelle Anarchie

  1. Amelie sagt:

    Gefällt mir sehr gut, so eine Auflösung der sexuellen Orientierungen würde ich mir auch wünschen! Ich finde es unnötig, mich in Schubladen von hetero/homo/o.ä. einsortieren zu lassen… was soll das denn bringen? Deswegen bezeichne ich mich bisher als pansexuell, wenn ich danach gefragt werde. Soll heißen: sexuelle Anziehung hängt für mich von der ganzen Person meines Gegenübers ab, nicht vom Geschlecht (egal ob biologisch oder sozial).

    Ich musste gerade an diesen Artikel denken, die Botschaft ist ähnlich und ich fand sie da auch schon sehr gut:
    http://www.vice.com/read/its-time-we-all-stop-coming-out

  2. Nina sagt:

    Wohlsein für alle!
    Freiheit von Begehren für alle!
    Sanfte Dekonstruktion für neue und alte Begriffe!

    #Achtsamkeit

  3. Nina sagt:

    Für mich brauche ich keine Kategorien. Mag mich in Schubladen sortieren wer mag, solange ich darin und außerhalb davon Narrenfreiheit habe. Wer mich fragt, bekommt eine – möglichst verständliche – Antwort.

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