„Der Mensch ist schlecht! Die Natur ist gut!“

Regelmäßig sehe ich immer wieder Beiträge wie „Wir haben uns zu sehr von der Natur entfernt!“, „Wir müssen wieder mehr zu unseren natürlichen Wurzeln stehen!“ usw. usf. durch meine Filterblase rauschen. Dabei hat mich immer schon ein gewisses Unbehagen ergriffen, dass ich nicht wirklich festmachen konnte.

Als mir aber heute ein Artikel von IFLScience („Animals can be giant jerks„)[1] durch meine Timeline flatterte, ist es mir wie Schuppen von meinen Augen gefallen. Es ist nicht nur so, dass gerade dadurch, dass wir uns so sehr von der Natur™ entfernt haben, wir Krankheiten heilen können die früher tödlich waren und einige der schlimmsten Seuchen ausgerottet haben[2].

Natürlich stellt sich dann auch immer die Frage, was ist denn mit „nicht mehr Natürlich“ gemeint. Letztendlich ist es eine total willkürliche Grenze, die jeder Mensch für sich definiert. Rein rational betrachtet ist alles, was der Mensch tut natürlich, da der selbst ein Teil der Natur ist. Allein sich aus der Natur heraus zu nehmen und als außenstehend zu betrachten ist so unglaublich anthropozentrisch und chauvinistisch, dass es ein Teil des Problems offenkundig zur schau stellt.

Ja, es ist unglaublich einfach zu sagen, in der Steinzeit haben die Menschen in Einklang mit der Natur gelebt. aber selbst das stimmt nicht in Hinblick unserer naturromantischen Vorstellungen, dass der Mensch damals keinen großen biologischen Fußabdruck hinterlassen hat. So ist er mit der Erfindung der Agrarwirtschaft wahrscheinlich maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir uns nicht schon wieder in mitten einer neuen Kälteperiode befinden[3].

Was stimmt ist allerdings, die Maßlosigkeit und Gier mit der der Mensch seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört. Dabei blockiert die Kategorisierung des Menschen als ein extranaturelles Wesen den Blick darauf, dass ein „Back to the Nature“ diese Probleme sicher nicht lösen wird.

Alles was wir geschaffen haben, ja selbst Atombomben sind Werkzeuge und auch Tiere weit über die Primaten hinaus, setzen Werkzeuge ein[4]. Raben sind sogar in der Lage komplexe soziale Strukturen zu spiegeln[5]. Es kommt darauf an, wie wir die Werkzeuge einsetzen. Ich kann mit einem Hammer Köpfe einschlagen oder ich kann etwas erschaffen.

Hier könnte es helfen den Begriff der Zivilisierung als Maß für den Abstand zu unseren angeborenen Verhaltensweisen zu definieren. Dann stellt es sich schnell heraus, dass die meisten unserer Probleme, mit denen wir momentan zu kämpfen haben gerade aus angeborenen den sprichwörtlich „natürlichen“ Verhaltensweisen resultieren.

Der Satz aus Terry Pratchetts „Terry Pratchett Hogfather – Schweinsgalopp“, den der Autor dem TOD zu den kleinen und den großen Lügen in dem Mund legt, beschreibt meiner Meinung am besten, was damit meine: „[…] nimm das Universum und zermahle es zu einem ganz kleinem Pulver, siebe es mit dem feinsten Sieb und dann zeige mir nur ein Atom Gerechtigkeit, ein Molekül Gnade… und doch verhalten sich die Menschen so, als gäbe eine ideale Ordnung in der Welt, als gäbe etwas wie Rechtmässigkeit im Universum die als Maßstab aller Dinge gelten kann.„[6]

Wir haben im Verlauf unserer kulturellen Entwicklung viele Schritte durchgemacht die Patrick Breitenbach in seinem Beitrag „The Day after Shitstorm: Die zweite Stufe der Zivilisierung„[7] als eben jene Zivilisierungen bezeichnet. Wir müssen nicht mehr bewaffnet aus dem Haus gehen und können unbeschwert durch die Wälder laufen und können darauf vertrauen, dass wir nicht gleich an der nächsten Straßenecke überfallen werden. Ausnahmen bestätigen die Regel außerdem zeigt das massive Ungleichgewicht der Sicherheit sowohl in Herkunft als auch Geschlecht, dass diese erste Zivilisierung noch lange nicht abgeschlossen ist.

Die von dem Autor angesprochene zweite Zivilisierung betrifft dabei meiner Meinung nach aber nicht nur dem Umgang im Netz sondern auch das eigene Denken, mein Verhältnis um Denken zu anderen als auch der Gruppenfürsorge. Vorhin sprach ich kurz die Gier an, die ich zusammen mit Neid und Missgunst als ein angeborenes Verhalten sehe. Bei kleinen Kindern lässt sich das sehr gut erkennen, dass etwas besonders interessant ist, wenn das andere Kind etwas hat, das ich nicht habe. Es gibt auch noch weitere angeborene Verhaltensweisen, die in unserer Gesellschaft schon zu selbstschädigendem Verhalten führen können, ob es die Völlerei ist oder andere Suchten.

Wichtige ist in meinen Augen, sich dies vor Augen zu halten und zu reflektieren, was passiert in diesem Moment um die darunter wirkenden Prozesse zu unterbinden. Dabei hilft es nicht zu wissen, dass etwas primär schädlich ist. Wir wissen alle, dass Rauchen oder übermäßiger Alkohol, um nur die offiziell gesellschaftlich tolerierten Drogen zu nennen und dennoch tun wir es immer weiter. Genau so ist es auch bei Gier, Neid, Eifersucht, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit usw. usf. wir wissen auf ganz rationaler Ebene, dass wir uns damit selbst zerstören. Aber solange wir nicht die wirklichen Wirkmechanismen und Kreisläufe auf individueller Ebene verstanden haben, werden wir weiter wider besseres Wissen handeln.

Erst dann werden wir es schaffen „in Einklang mit der Natur zu leben“, wenn wir verstanden haben, dass wir zu allererst in Einklang mit uns selbst leben müssen, weil wir selbst ein Teil der Natur sind… Oder es wird uns so gehen, wie in dem Cartoon von humon auf deviantArt angedeutet wird:

Mother Gaia by humon [8]

Mother Gaia by humon [8]

Quellen:

  1. Winter, Lisa: „Animals can be giant jerks“, IFLScience, http://www.iflscience.com/plants-and-animals/animals-can-be-giant-jerks, abgerufen am 24.04.2014
  2. Redaktion: „Erfolgsgeschichte des Impfens“, Bayerischer Rundfunk, http://www.br.de/themen/ratgeber/inhalt/gesundheit/impfgeschichte-6te100.html, abgerufen am 25.04.2013
  3. Ruddiman, William F.: „The Anthropogenic Greenhouse Era Began Thousands of Years Ago“, Climatic Change Volume 61, Issue 3 , pp 261-293, DOI 10.1023/B:CLIM.0000004577.17928.fa (http://citeseerx.ist.psu.edu/viewdoc/download?doi=10.1.1.167.2504&rep=rep1&type=pdf)
  4. Verschiedene: „Werkzeuggebrauch bei Tieren“, de.Wikipedia.org, http://de.wikipedia.org/wiki/Werkzeuggebrauch_bei_Tieren, abgerufen am 26.04.2014
  5. Universität Wien: „Raben verstehen fremde Beziehungen“, scienexx.de, http://www.scinexx.de/wissen-aktuell-17486-2014-04-24.html, abgerufen am 26.04.2014
  6. Pratchett, Terry: „Terry Pratchett Hogfather – Schweinsgalopp“, Euro Video, ASIN: B002NORN0Q, Teil 2, 1:21:00 – 1:21:29
  7. Breitenbach, Patrick: „The Day after Shitstorm: Die zweite Stufe der Zivilisierung“, Blog der Karlshochschule, http://blog.karlshochschule.de/2014/01/08/the-day-after-shitstorm-die-zweite-stufe-der-zivilisierung/, abgerufen am 26.04.2014
  8. humon: „Mother Gaia“, deviantArt, http://humon.deviantart.com/art/Mother-Gaia-207388674, abgerufen am 26.04.2014

Edit:

Bild von humon[8] hinzugefügt.

 

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