Ist das schon ein Pranger?

Im Zuge der Nachbereitung der re:publica[a] wird an verschiedenen Stellen wieder über die Schwierigkeiten diskutiert, übergriffiges Verhalten sichtbar zu machen. Aufgrund vergangener Erfahrungen muss davon ausgegangen werden, dass jeder Versuch in diese Richtung schon im Ansatz als Pranger und Zensur nieder geschrieen wird.

Wird diesem Schreien nachgegeben, verliert der antidiskriminierende Diskurs ein wichtiges Werkzeug in Form des Sichtbarmachens oder Dokumentieren. Die Folgen sind bereits mehr als deutlich, schon an der Menge und Heftigkeit der menschenfeindlichen Äußerungen, zu erkennen.

Hätten bis vor ein paar Jahren Hetzer*innen wie Thilo Sarrazin, Akif Pirinçci, Matthias Matussek, Beatrix von Storch, Sibylle Lewitscharoff und leider viel zu viele andere mehr, ihre kruden und an der Grenze zur Volksverhetzung schrammenden Thesen höchstens bei einem NPD-Parteitag vortragen können, wird ihnen mittlerweile auf weiten Bühnen der sogenannten bürgerlichen Mitte Raum gegeben.

Meine These ist nun, dass die Verschleierung und Reklamierung von Hetze als Meinungsfreiheit den Erfolg der Hetzer*innen des oben genannten Typs wenn doch zumindest mit begünstigt hat. Konnten sich die selbsternannten Tabu-Brecher*innen doch überhaupt erst mit ihren Thesen in die Öffentlichkeit wagen, nachdem die Saat der unterschwelligen Hetze aufgegangen war.

Doch was ist in diesem Kontext als unterschwellige Hetze zu verstehen? Mit dem Begriff der unterschwelligen Hetze sehe ich vor allem tagtägliche diskriminierende Äußerungen, vor allem aber alle Sätze, die mit „Ich bin ja kein [Begriff für eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit], aber [menschenverachtende These aus der gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit]…“ anfangen. Wurden solche Äußerungen vor einiger Zeit noch mit einem entschuldigenden „Ja, wird man ja wohl noch sagen dürfen…“ usw. abgeschwächt, werden sie mittlerweile ganz offen getätigt.

Und dass sie ganz offen ausgesprochen werden können sehe ich einer schwindenden Sichtbarkeit geschuldet. Und hier trägt die oben angesprochene Opfer-Täter*innenumkehr durch Zensur- und Meinungsfreiheit-Rufe meiner Meinung nach maßgeblich bei. Ein sehr populärer Vorwurf ist dabei der des Prangers. Ein Begriff, bei dem es ebenfalls gelang ihn sehr geschickt umzudeuten und über seine eigentliche Bedeutung hinaus zu erweitern.

Der Pranger im eigentlichen Sinn war eine Art von Bestrafung durch öffentliches Zurschaustellen und der damit verbundenen Demütigung und sozialen Isolation, die sich vor allem im 13. Jahrhundert in Europa zur Durchsetzung von Ehrenstrafen immer mehr durchsetzten[1]. Dabei lässt sich durchaus konstatieren, dass zusätzlich zu der öffentlichen Zurschaustellung die Delinquent*innen zudem oftmals noch als Vogelfrei erklärt wurden und somit von Passant*innen, ohne selbst eine Strafe befürchten zu müssen, mit Gegenständen beworfen werden durften[ebenfalls 1].

Damit lassen sich zwei Hauptmerkmale eines Prangers wie folgt zusammenfassen: Zum einen die öffentliche Zurschaustellung der Täter*innen und dem damit verbundenen Ansehensverlust als bleibende Strafe und ein Aufruf zur Selbstjustiz. Diesen Aspekt gilt es meiner Meinung nach besonders hervorzuheben, ist er meiner Meinung nach, wenn nicht der gravierendste Unterschied zum Sichtbarmachen, doch zumindest der offensichtlichste.

Das Sichtbarmachen oder journalistische Do hingegen teilt oberflächlich gesehen doch einige Merkmale, die an einen Pranger erinnern könnten. So ist es bei der sozialen Kontrolle auch wichtig, dass bestimmte gesellschaftliche Verfehlungen sichtbar werden, da sie sonst nicht stattfinden kann. Aber anders als beim Pranger geht dabei nicht ein Aufruf zur Gewalt einher. Es geht vielmehr darum, dass andere Mitglieder einer Gesellschaft vergangene und künftige Äußerungen der betreffenden Person einschätzen können und wie groß ist die Glaubwürdigkeit dieser Person.

Mir ist an dieser Stelle wichtig, dass ich mich in aller Deutlichkeit von der, meistens in rechten Kreisen getätigten Aussage, „Opferschutz ist Täterschutz!“ distanzieren möchte! Was ich hier andenke, ist eben kein Pranger, sondern dass wir uns die Pranger-Vorwürfe genauer anschauen und uns nicht selbst zensieren.

Handelt es sich bei vielen Pranger-Vorwürfen um das Sichtbarmachen von öffentlich getätigten Aussagen. Ich denke dabei vor allem an die massiven Vorwürfe an Jasna Strick im Rahmen ihres Vortrags zur #om13 die an Absurdität teilweise kaum mehr zu überbieten sind[2]. Noch einmal zur Wiederholung: Es handelt sich um öffentlich getätigte Aussagen und gerade bei Äußerungen im Internet gilt, dass sie im öffentlichen Raum getätigt werden. Letztendlich handelt es sich bei der Vorwürfen um die Rechtfertigung jeglichen unsozialen Verhaltens ohne Bestrafung fürchten zu müssen. Das ist in der Hinsicht auch bedenklich, wenn es sich bei den sichtbar zu machenden Äußerungen um strafrechtlich relevante Inhalte handelt.

Im Gegensatz dazu sehe ich die sehr wohl, nicht nur, von Rechten und Hater*innen verbreitete Pranger-Seiten auf denen missliebige Personen teilweise bis ins intimste mit Adressen, Telefonnummern gelistet werden[3]. Oft sind diese Seite mit kaum verholenen Aufrufen zur Gewalt verbunden, so wird mit Hausbesuchen und ähnlichem gedroht. Teilweise sogar soweit, dass selbst die Familie der dortigen Aktivist*innen zur Zielscheibe gemacht und in Gefahr gebracht wird[4].

Hier wird mit solch bigotten Doppelstandards hantiert, dass mir schlecht wird. Denn diese Seiten sind wirkliche Pranger. Mit Diskussionen, ob ein ausgesprochener Wunsch nach Einhalt eines übergriffigen Verhaltens nicht bereits selbst wieder übergriffig ist, werden wir hier keinen Blumentopf gewinnen können. Darum geht es hier nicht, es geht vor allem darum, dass wir solchen Äußerungen (im Sinne der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit) die Tür zeigen wollen, wie auch Randall Munroe es so schön auf seiner Comic-Seite XKCD zusammengefasst hat[5]:

XKCD-Comic „Free Speech“ zur freien Meinungsäußerung [5]

Und eben das geht nicht, wenn wir nicht mal über solche Vorkommnisse berichten können. Wenn ich da zum Beispiel an die NSU denke: Da ziehen Nazis jahrelang mordend durch die Landen und wir lassen uns dis Diskussion aufzwingen, ob es denn ein Pranger ist, öffentlich eins als Rassist*in zu bezeichnen, das schon mehrmals öffentlich rassistisch aufgefallen ist. Da frage ich mich doch: „Gehts noch?“

Es geht mir hier auch nicht um Denkverbote, sondern darum, dass wir uns endlich entscheiden, wie wir jetzt leben wollen und welchen Gedanken wir einen endgültigen Platz in er Vergangenheit zuweisen wollen. Allein daraus ergibt sich schon die Forderung eben keine Pranger auf unserer Seite hochzuziehen, denn: „It looks like a hater page, tastes like a hater page… Maybe the same shit like on the other side?“

Und für den Standardspruch a la: „Ich bin voll neutral, ich will nur, dass die Gegenseite auch zu Wort kommt!“ oder „… aber irgendwie haben sie ja recht!“ die gerade aus der Piratenpartei viel zu oft zu hören waren und immer noch sind und jede weitere Diskussion abgewürgt haben (BTW: Die Arschlöcher sind immer noch in der Partei, viele gute Menschen sind deswegen auch ausgetreten!), habe ich dank Tofutastisch die passende Antwort parat:

Sign shows: "If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor! Desmond Tutu"

Manchmal ist „Neutral“ auch eine eindeutige Seite…[6]

Quellen:

  1. Verschiedene: „Pranger„, de.Wikipedia.org, http://de.wikipedia.org/wiki/Pranger, abgerufen am 11.05.2014
  2. Banaszczuk, Yasmina: „Ein neues Kaliber„, frau-dingens.de, http://frau-dingens.de/?p=2562, abgerufen am 11.05.2014
  3. Levitt, Amanda: „“, bitchmedia, http://bitchmagazine.org/post/trolling-don%E2%80%99t-just-want-to-be-rude%E2%80%94they-want-power-over-us, abgerufen am 22.05.2014
  4. Müller, Timo: „Anti- Antifa Nürnberg: Bedrohungen, Angriffe, Anschläge“, Zeit Online – Blog, http://blog.zeit.de/stoerungsmelder/2013/01/25/anti-antifa-nurnberg-bedrohungen-angriffe-anschlage_11186, abgerufen am 22.05.2014
  5. Munroe, Randall: „Free Speech„, xkcd.com, http://xkcd.com/1357/, abgerufen am 11.05.2014
  6. Tofutastisch: „If you are neutral in situations of injustice, you have chosen the side of the oppressor.“, soup.io, http://tofutastisch.soup.io/post/419317866/Image, abgerufen am 22.05.2014

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1 Antwort zu Ist das schon ein Pranger?

  1. Hi, ich habe zu diesem Thema kürzlich ein Buch geschrieben: Sarrazins Correctness. Dort stelle ich Sarrazin in einem Zusammenhang mit den „Korrektionsanstalten“ und zeichne den Zusammenhang von den Forderungen nach korrektiven Sekundärtugenden und dem Vorwurf einer linken „politischen Korrektheit“ her. Beides gehört zusammen. http://www.unrast-verlag.de/neuerscheinungen/sarrazins-correctness-detail

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