(Nicht nur) links hat ein (R*pe) Problem…

In einem meiner letzten Beiträge (Ist das schon ein Pranger?[1]) schnitt ich das Problem der wachsenden Diskriminierungen in der sogenannten bürgerlichen Mitte an. Leider trifft es das Problem nicht ganz, denn der Hass betrifft die gesamte Gesellschaft und so auch linke Gruppen.

Mir sind in letzter Zeit vermehrt  Äußerungen aus dem linken oder antidiskriminierenden Lager zu Ohren gekommen, die meiner Meinung nach mehr als nur grenzwertig sind. Und oft werden dann genau die Unterdrückungsmechanismen verwendet werden, die auch gegen sie angewandt werden.

Und gleich am Anfang was klar zu stellen:

Nein, Männer/Weiße/… werden nicht diskriminiert! Diskriminierung funktioniert nicht von unten nach oben.

Im folgenden mal ein paar Beispiele in welchem Kontext mir das besonders aufgefallen ist. Leider, im negativen Sinne, besonders hervorgetan haben sich einige Aktivist*innen, die Occupy-Bewegung und auch im feministischen Umfeld.

Occupy, Linke und die neuen Montagsdemos

Das Engagement der Occupy-Bewegung und vieler anderer linker im Kampf gegen den sogenannten „Turbo-Kapitalismus“ und soziale Ungerechtigkeit lässt sich wohl als Kampf gegen Klassismus (Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsklasse[2]) zusammenfassen.

Dabei wird oftmals gegen die sogenannten „Superreichen“ in einer Form gewettert. Vor allem, wenn diese Bevölkerungsschicht, wie oft geschehen, nur mit dem Namen Rothschild und entsprechenden Verschwörungstheorien genannt wird, wird die Grenze zum Antisemitismus oftmals mehr als nur leicht überschritten.

Die Folgen sind dann seltsam gespenstische Bündnisse aus linken Aktivist*innen und mehr oder weniger offen agierenden Anti-Semiten, Neonazi- und andere rechte Gruppen auf den sogenannten neuen Montagsdemos[3].

Linke Medien und Seximus

Ein aktueller Fall von schwerem Sexismus innerhalb der linken Szene Amerikas sind die R*pe-Threads gegen Sarah Kendzior[4]. Hier wiederholt sich, was ich in vielen anderen Bereichen auch immer gesehen hab. Links und progressiv engagierte Menschenrechtler*innen  stellen sich unreflektiert auf die Seite von Männerrechtler*innen, die dann unter dem Feigenblatt der „Meinungsfreiheit“ in den strukurellen Missbrauch gegen eine missliebige Aktivistin einsteigen[1].

68’er Feminismus und Prosititution

Im Gegensatz zu vielen Feministinnen und Allies aus meinem Umfeld, die sehr progressiv denken und meiner Meinung nach bei Prostitution sehr wohl zwischen Sexworking und sexuellen Missbrauch unterscheiden können. Hat sich ja vor allem eine Gruppe von, ich nenne sie mal 68’er Feministinnen, sehr negativ hervorgetan.

Diese Gruppe war vor allem gegenüber den organisierten Sexworkerinnen[!] systematisch verbal Gewalttätig, hat ihnen Stockholmsyndrom attestiert, ihre Argumente ignoriert, marginalisiert und sie lächerlich gemacht und ist dabei mehr als einmal selbst ableistisch und sexistisch Diskriminierend geworden. Dabei besonders hervorzuheben ist das in diesem Kontext ständig auftretende Argument des massenhaften Menschenhandels aus Osteuropas. Hierbei wird sich  zusammen mit dem Framing Prostitution sei gleich Menschenhandel, dumpfsten Rassismus bedient. Das ist an so vielen Stellen falsch. Menschenhandel zum Zweck der Prostitution gibt es nicht! Was es gibt ist Menschenhandel zum Zweck des fortgesetzten sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung[5]!

Lesben und Schwule

Das in den großen Medien immer wieder Homosexuell gleich Schwul gesetzt wird, ist leider Usus[6], aber auch innerhalb der homosexuellen Aktivist*innen kommt es immer wieder zu massiver Diskriminierung in dieser und anderen Formen von Sexismus[7]. Das Problem dabei ist, Lesben werden systematisch ausgeblendet und unsichtbar gemacht. Oftmals ist aus der Schwulenszene auch ein „Was interessieren mich schon Frauen, ich steh auf Männer!“ zu hören.

Einen groben Überblick schafft schon eine einfache Google-Suche nach den Begriffen „schwul homosexuell -lesbisch“ und „lesbisch homosexuell -schwul“, das Verhältnis ist fast 10:1:

Schwul

Google-Suche: Schwul und Homosexuell ohne Lesbisch

lesbisch-schwul

Google-Suche: Lesbisch und Homosexuell ohne Schwul

Klar ist diese einfache Suche keine repräsentative Auswertung, aber bei so einer Schieflage ist ein systematisches Problem mehr als anzunehmen und von einer intersektionellen Diskriminierung von Lesbischen Frauen auszugehen.

Zusammenfassung

Und das waren jetzt nur ein paar Beispiele. Von den Antisemitischen Ausfällen einiger Abgeordneten speziell der Linkspartei oder auch den rassistischen Eklat um den Slut-Walk Berlin ganz zu schweigen… Es gäbe genügend Beispiele und die Liste ließe sich endlich fortführen. Aber  allen gemein ist, dass all diese Vorfälle einen Schritt zurück bedeuten. Oder mit anderen Worten:

Bedienen sich Aktivist*innen selbst Diskriminierungen und andere Formen struktureller Gewalt werden sie Systemstützend. Sie erhalten dabei genau die Repressionsmechanismen am Leben, gegen die sie sich eigentlich engagieren wollen.

Das diese Vorfälle sich in letzter Zeit häufen, deutet auf ein strukturelles Problem hin, das betrachtet werden muss. Andernfalls würde die progressive und emanzipatorische Arbeit der letzten Jahrzehnte, zumindest für einige Zeit, zunichte gemacht.

Als Gegenstrategie schlage ich vor, die Selfawareness zu stärken und zu verbreiten. Dabei reicht es nicht nur davon zu sprechen sondern auch mit gutem Beispiel voran zu gehen. Mit den Diskriminierungen ist es wie mit vielen psychologischen Tricks, sie funktionieren nur so lange, wie sie unbekannt sind. Wichtig hierzu ist die Bereitschaft selbst anzuerkennen, dass eins selbst voll mit dieser Gewalt und den Diskriminierungen ist. Wir sind alle in dieser Gesellschaft aufgewachsen, die nun mal damit durchzogen ist.

Ich weiß, es tut verdammt weh, sich selbst zuzugestehen, dass eins Rassistisch, Sexistisch, Antisemitisch, Homo-Sexistisch usw. ist! Ich schreibe bewusst ist, weil diese Sozialisierung lässt sich nicht einfach auslöschen und sie ist ein Teil von mir. Aber ich kann dafür sorgen, dass ich die Kontrolle über sie habe und so langsam aus der weiteren Sozialisierung verschwindet.

Denn wenn es nur um *istisches Gedankengut geht sind wir alle *ist*innen! Aber es geht darum wie ich mich entscheide. Oder wie Sirus Black zu Harry Potter sagte:

"We've all got both light and dark inside us. What matters is the part we choose to act on. That's who we really are." – Sirius Black[6]

„We’ve all got both light and dark inside us. What matters is the part we choose to act on. That’s who we really are.“ – Sirius Black[8]

Quellen und Links:

  1. Thomas, Alexander. „Ist das schon ein Pranger?„. Asaekante.de. http://www.asaekante.de/?p=608. Abgerufen am 09.06.2014
  2. Klassismus hier!
  3. Anonym. „Völkische Friedensbewegung macht mobil„. linksunten.indymedia.org. https://linksunten.indymedia.org/node/110262. Abgerufen am 09.06.2014
  4. Kendzior, Sarah. „On being a thing„. sarahkendzior.com. http://sarahkendzior.com/2014/06/07/on-being-a-thing/. Abgerufen am 09.06.2014
  5. Doña Carmen. „Die Würde der Sexarbeiterinnen„. taz.de. http://www.taz.de/!122003/. Abgerufen am 09.06.2014
  6. Tabler, Nele. „Lesbische Sichtbarkeit„. phenomenelle. http://www.phenomenelle.de/querelle/lesbische-sichtbarkeit/. Abgerufen am 09.06.2014
  7. allophilia.blogsport.de. „Schwuler Sexismus“. allophilia.blogsport.de. http://allophilia.blogsport.de/2008/10/30/schwuler-sexismus/. Abgerufen am 09.06.2014
  8. Sirius Black. „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ (Film). Warner Bros. 11.07.2007

Edit:

  • Unsichtbarkeit von Lesben und Sexismus in der Schwulenszene.
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